04.07.2025
War Jakob Fugger ein Unternehmer im modernen Sinn? Welche Parallelen lassen sich zwischen seinem Handeln und heutigen Unternehmeridealen ziehen – und wo stößt dieser Vergleich an seine historischen Grenzen? Mit diesen Fragen eröffnete das Fugger Forum am 3. Juli 2025 einen spannungsreichen Abend unter dem Titel „Jakob der Unternehmer?! – Vergangenheit trifft auf Moderne“. Rund 100 Gäste aus Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft waren der Einladung gefolgt, um gemeinsam mit zwei renommierten Historikern über Unternehmertum, Verantwortung und wirtschaftliche Macht zu diskutieren – und darüber, was wir aus der Biografie Jakob Fuggers für unser heutiges Verständnis wirtschaftlichen Handelns lernen können.
Ein historischer Ort für eine zeitgemäße Debatte
Zum Auftakt begrüßten Dr. Martin Fritz, Vorstandsvorsitzender der Fürst Fugger Privatbank, und Gräfin Maria Theresia Fugger von Glött, Mitglied des Familienseniorats der Fürstlich und Gräflich Fuggerschen Stiftungen, die Gäste. Der Veranstaltungsort hätte passender kaum gewählt sein können: Die Fürstenhalle befindet sich im ehemaligen Fuggerpalais am Augsburger Weinmarkt – heute Maximilianstraße –, jenem Ensemble historischer Gebäude, das Jakob Fugger im Jahr 1511 erwarb und durch weitere Zukäufe zu einem repräsentativen Firmensitz ausbauen ließ. Dort, wo einst die Geschäfte eines der bedeutendsten Kaufleute Europas abgewickelt wurden, spiegelt sich heute das wirtschaftliche Erbe in moderner Diskussion wider.
Vom Kaufmann zur Projektionsfigur: Jakob Fugger und das moderne Unternehmerbild
Im Zentrum des Abends stand das Gespräch zwischen Prof. Dr. Boris Gehlen, Leiter der Abteilung Unternehmensgeschichte der Universität Stuttgart und Prof. Dr. Dietmar Schiersner, wissenschaftlicher Leiter des Fuggerarchivs, moderiert von Birgit Kappel (BR). Dabei wurden nicht nur Parallelen zwischen Jakob Fugger und heutigen Unternehmerfiguren gezogen, sondern auch kritisch reflektiert, wie anachronistisch solche Vergleiche sein können.
Prof. Gehlen näherte sich Jakob Fugger über den modernen Unternehmerbegriff – als jemand, der in unbekannte Märkte vorstößt, Risiken eingeht und zugleich bestrebt ist, diese strategisch zu begrenzen. Jakob Fugger habe seine Geschäfte mit politischem Kalkül abgesichert, neue Investitionsfelder erschlossen und sein unternehmerisches Portfolio stetig weiterentwickelt. Eigenschaften wie Entscheidungsfreude unter Unsicherheit, eine rastlose Innovationskraft sowie die Fähigkeit zur Synthese von Information und Handlung seien damals wie heute zentrale Merkmale unternehmerischen Denkens.
Prof. Schiersner hingegen rückte die historischen Rahmenbedingungen ins Zentrum: Den Begriff „Unternehmer“ im heutigen Sinne habe es im 16. Jahrhundert gar nicht gegeben. Jakob Fugger sei als Kaufmann, Stadtbürger und politischer Akteur aufgetreten – Begriffe, die seinem damaligen Selbstverständnis näherkommen. Schiersner warnte davor, moderne Narrative unreflektiert auf frühneuzeitliche Figuren zu übertragen. Begriffe wie „kapitalistisch“ oder „knallhart“ seien mit Vorstellungen aus dem 19. und 20. Jahrhundert aufgeladen, die in ihrer Rückprojektion auf Jakob Fugger eher Zerrbilder erzeugten.
Dennoch zeigte sich in der Diskussion, dass eine historisch fundierte Annäherung an Jakob Fuggers Handeln auch Erkenntnisse über unser gegenwärtiges Verständnis von Unternehmertum liefern kann. Jakob Fugger war in seinen Entscheidungen nicht nur wirtschaftlich getrieben, sondern verfolgte auch gesellschaftliche Ziele – etwa durch die Stiftung der Fuggerei. Dieses Zusammenspiel aus ökonomischer Macht und sozialer Verantwortung war, so Prof. Gehlen, ein frühes Beispiel unternehmerischer Philanthropie.
Ausblick auf das Gedenkjahr anlässlich des 500. Todestages Jakob Fuggers
Zum Abschluss betonte Dr. Daniel Hobohm, Administrator der Fuggerschen Stiftungen, dass das Fugger Forum ein lebendiger Teil der Auseinandersetzung mit Jakob Fugger sei – einer Persönlichkeit, deren wirtschaftliches, politisches und gesellschaftliches Wirken bis heute nachhallt. Der Dialog über Jakob Fuggers Erbe steht im Zentrum eines umfangreichen Jahresprogramms anlässlich seines 500. Todestages am 30. Dezember 2025.
Interessierte erwartet in den kommenden Monaten eine Vielzahl an Veranstaltungen: Ab dem 18. September eröffnet in der Fuggerei eine Sonderausstellung, die sich der Rezeption Jakob Fuggers widmet. Eine wissenschaftliche Tagung, Führungen, Theater- und Musikformate und weitere Events laden dazu ein, Jakob Fugger und sein Vermächtnis neu zu entdecken – vielfältig, interaktiv und mitten in Augsburg.
Hintergrundinformation: Die wirtschaftlichen Aktivitäten Jakob Fuggers
Jakob Fugger (1459–1525) zählt zu den bedeutendsten Kaufleuten und Bankiers der europäischen Geschichte. Gemeinsam mit seinen Brüdern gründete er 1494 eine Handelsgesellschaft, die zunächst im Textil- und Gewürzhandel aktiv war. Bald verlagerte sich der Schwerpunkt auf Finanzgeschäfte, insbesondere auf Kreditvergaben an den Hochadel und die Kurie.
Ab den 1480er Jahren baute Jakob Fugger enge Verbindungen zum habsburgischen Herrscherhaus auf. Für Kredite erhielt er unter anderem Förderrechte an Silberminen in Tirol. Daraus entwickelte sich ein Geschäftsmodell, das Montanwirtschaft mit Bankwesen verband und in der Frühen Neuzeit einzigartig war. Von zentraler Bedeutung war der sogenannte Ungarische Handel: In Zusammenarbeit mit der Familie Thurzo kontrollierte Fugger den Abbau und Vertrieb von Kupfer und Silber im damaligen Oberungarn und Tirol. Um 1520 stammte ein Großteil der europäischen Kupferproduktion aus diesen Regionen. Sein Handelsnetz umfasste Standorte in ganz Europa. Zudem spielte Jakob Fugger eine bedeutende Rolle in der politischen Finanzierung, etwa durch seine Beteiligung an der Kaiserwahl Karls V. im Jahr 1519.