Auf welches historische Ereignis nimmt die Tatortfolge Nr. 9 »Walsturz« Bezug?
Im Sommer des Jahres 1517 reist Jakob Fugger (1459–1525) mit seinem Gefolge nach Dillingen. Anlass ist ein Besuch beim neu gewählten Augsburger Fürstbischof Christoph von Stadion (1478-1543), dessen Wahl Jakob Fugger unterstützt hatte. Während dieses Aufenthalts erkrankt Jakob Fugger plötzlich schwer. Auch der Domprobst von Bamberg zeigt ähnliche Symptome. Beide werden umgehend nach Augsburg zurückgebracht. Jakob Fugger überlebt die Erkrankung und stirbt erst acht Jahre später.
Überliefert ist dieser Vorfall nur in einer einzigen zeitgenössischen Quelle: einem Brief des Augsburger Domherrn und Humanisten Bernhard Adelmann von Adelmannsfelden (1459-1523) vom 19. Juli 1517 an seinen Freund Willibald Pirckheimer. Darin berichtet er unter der Überschrift "Der neue Bischof von Augsburg – ein unheilvoller Anfang" von den Ereignissen in Dillingen. Schon beim Abfeuern der Kanonen zum feierlichen Empfang der Gäste hätte es einen Unfall gegeben, bei dem ein Vertrauter des Bischofs ums Leben kam. In der Nacht wären dann Jakob Fugger und der Bamberger Probst so schwer erkrankt, dass ihr Leben in Gefahr gewesen wäre, hätte man sie nicht sofort zur Pflege nach Augsburg zurückgebracht. Zum Zeitpunkt des Briefes, also einige Tage nach dem Ereignis, war laut Adelmannsfelden einer der beiden immer noch krank, außerdem wäre einer auf dem Rückweg beinahe ertrunken. Dies seien "die ersten Früchte unseres neuen Bischofs" schreibt Adelmannsfelden weiter. Über die Ursachen der Erkrankung macht er allerdings keine Angaben. Der Fugger-Forscher Götz von Pölnitz schreibt in seiner Biografie über Jakob Fugger zwar von Gerüchten über einen möglichen Giftanschlag, die anlässlich des Dillinger Vorfalls in der Stadt kursierten, nennt aber leider keine Belege.
Fazit: Ob es sich bei der Erkrankung anlässlich des Besuchs in Dillingen um eine natürliche Ursache, eine Lebensmittelvergiftung oder gar um einen gezielten Anschlag handelte, lässt sich historisch nicht klären. Die Quellenlage gibt jedenfalls keine Hinweise auf kriminelle Hintergründe. Zugleich fällt das Ereignis in eine Zeit großer Umbrüche: 1517 ist Augsburg von religiösen, politischen und wirtschaftlichen Spannungen geprägt, und Jakob Fugger steht als mächtiger Kaufmann und kirchlich engagierter Akteur im Zentrum von Bewunderung, Kritik und Neid. Diese Konstellation bietet einen fruchtbaren Ausgangspunkt für diese fiktive Erzählung – inspiriert von einem realen Ereignis.
Welche Rolle spielte Adelmannsfelden in der Realität?
Bernhard Adelmann von Adelmannsfelden war ein angesehener Kleriker und Gelehrter, der u.a. der Domschule in Augsburg vorstand und mit vielen bedeutenden Humanisten seiner Zeit verkehrte. Als Verfechter scharfer Kirchenreformen äußerste er sich deutlich gegen Praktiken wie das Zinsnehmen oder den Kauf von Kirchenämtern. Mehrfach kritisierte Adelmannsfelden in diesem Kontext Jakob Fugger, durchaus mit hämischem Unterton wie in seinem Brief vom Juli 1517. Dabei dürfte zur Zeit des Dillinger Ereignisses aber auch ein persönliches Motiv relevant gewesen sein: Adelmannsfelden wollte 1517 selbst Bischof von Augsburg werden, konnte dich jedoch nicht gegen Christoph von Stadion durchsetzen. Adelmannsfelden sympathisierte auch im weiteren Verlauf mit reformatorischen Bewegungen und Akteuren wie Martin Luther, und stand im öffentlichen Schlagabtausch mit der Gegenseite, etwa mit dem Gelehrten Johannes Eck, der für Fugger und die Gesellschaften argumentierte. 1523 starb Adelmannsfelden in Augsburg. Seine überlieferten Briefe geben nicht nur im Zusammenhang mit dem Vorfall in Dillingen einen interessanten Einblick in die Zeitgeschichte.
Gab es historische Vorbilder für Jakob Fuggers Bedienstete im Stück?
Die im Stück auftretenden Figuren des Kochs, der Leibwächterin und des Schreibers sind rein fiktiv. Sicher beschäftigte Jakob Fugger in seinem Haushalt Köchinnen und in seinem Geschäft Schreiber, aber hierzu sind keine Namen überliefert. Die Figur der Leibwächterin hat ebenfalls kein historisches Vorbild. Zwar reisten Kaufleute auf ihren Handelszügen durchaus mit bewaffnetem Geleit, aber von einer persönlichen, insbesondere weiblichen Leibwache ist nichts bekannt.
In welchem Verhältnis stand Jakob Fugger zu seiner Nichte Regina Meuting?
Regina Meuting war eine der vier Töchter von Jakobs älterer Schwester Barbara Meuting. Laut der Historikern Martha Schad war Barbaras Ehe mit Konrad Meuting, der aus einer ehemaligen Handelsfamilie stammte, überaus nützlich für Jakobs eigenes Geschäft. Von Konrad Meutings Erfahrung und Wissen profitierte die Firma, und Konrad hatte als angeheirateter Schwager wohl mehr Mitspracherechte als andere angeheiratete Verwandte. Jakobs Nichte Regina Meuting heiratete 1515 Hans Lamparter, dessen Vater in geschäftlicher Verbindung mit Jakob Fugger stand. Jakob zahlte dem Paar ein "heyratsgut" aus, ein üblicher Vorgang auch bei Reginas Geschwistern, sowie anderen Nichten und Neffen. Dass Regina bevorzugt von Jakob behandelt wurde, lässt sich jedenfalls nicht nachweisen. Ein Testament von Jakob aus der Zeit um 1517 ist nicht bekannt. In Jakobs Testament von 1525 sind allerdings für Barbaras Familie sehr großzügige Legate und Vermächtnisse festgeschrieben. Zudem wird Barbara als einzige Schwester in Bezug auf eventuelle Einsprüche gegen die testamentarischen Bestimmungen namentlich genannt. Doch räumt Jakob dieses Einspruchsrecht auch seiner Frau und anderen Erben ein. Regina selbst wird im Testament in gleicher Höhe bedacht wie ihre verheirateten Schwestern und ihr Bruder. Als Nachfolgerin von Jakob wären ohnehin weder Regina noch eine andere Verwandte in Frage gekommen. Weibliche und geistliche Familienmitglieder wurden ausbezahlt, bzw. sie konnten ihren Anteil ohne Mitspracherecht in der Firma belassen. Die alleinige Verfügungsgewalt über das Geschäft und auch über die Stiftungen stand den Erben aus dem Mannesstamm zu, nach Jakobs Tod also den Söhnen seiner Brüder.
Welche Rolle hat Matthäus Schwarz bei dem historischen Ereignis von 1517?
Gar keine. Matthäus Schwarz arbeitete ab Herbst 1516 zunächst probeweise und ab 1517 fest als Buchhalter bei Jakob Fugger. Dass er als Buchhalter an einem Ausflug seines Dienstherrn nach Dillingen teilnahm, ist reine Fiktion.
In welchem Verhältnis stand Jakob Fugger zu Bischof Christoph von Stadion?
Jakob Fugger äußerte sich mehrfach selbst über seine Rolle bei der Bischofswahl und schreibt von Stadions Erfolg seiner persönlichen Intervention zu. Tatsächlich setzte bereits der kränkelnde Bischof Heinrich von Augsburg mit Einverständnis der Domkapitels Christoph von Stadion als seinen Koadjutor ein – von Stadion hatte demnach eine starke Ausgangsposition. Er galt als fähiger und glaubensstarker Kleriker, stand aber offenbar auch in Konkurrenz zu Bernhard Adelmann von Adelmannsfelden. Jakob Fugger machte wohl seinen Einfluss bei der Wahl geltend. Papst Leo X. setzte jedenfalls Christoph von Stadion am 10. April 1517 als Bischof von Augsburg ein. Die Bischofsweihe erfolgte am 5. Juli 1517 in Dillingen. Dort traf offenbar wenige Tage später Jakob Fugger als Gast ein. Anfangs bestand wohl ein gutes Verhältnis zwischen dem neuen Bischof und dem Kaufherrn: Im selben Jahr arbeiteten beide anlässlich einer Hungersnot zusammen, 1518 belehnte der Bischof Fugger mit mehreren Höfen in seinem Herrschaftsbereich. Allerdings stand der Bischof als Schutzherr des Kapitels von St. Moritz auf der Gegenseite zu Fugger im Streit um die Prädikatur bei St. Moritz. Zudem prangerte er öffentlich die Laster und Käuflichkeit des Klerus an, er forderte Reformen, trat aber anders als Adelmannsfelden nicht als Unterstützer von Luther auf. Jakob Fugger indes zeigte sich bald sehr enttäuscht von seinem ehemaligen Protegé, der ihm inzwischen auch Schutz- und Beistandspflichten an seinem Herrschaftsbesitz Biberbach verweigerte. Der Fuggerforscher Max Jansen fasst Jakobs Äußerungen aus einem Brief vom Juli 1519 an Herzog Georg von Sachsen zusammen: Der Bischof von Augsburg "sei ein armer Domherr ohne irgendeiner angesehenen Persönlichkeit Freundschaft gewesen. Ohne seine Hilfe wäre er nie Bischof geworden. Obschon er jenem nun nichts getan habe, stelle der Bischof sich doch, als ob er ihm den Vater erschlagen hätte".
Was wissen wir zum Bauzustand der Fuggerei im Jahr 1517?
Nachdem Jakob Fugger die notwendigen Grundstücke in der Jakobervorstadt angekauft hatte, begann 1516 der Bau der Fuggerei. Noch im selben Jahr konnten die ersten Bewohner ihre Häuser beziehen – so geht es aus den Augsburger Steuerbüchern hervor. Im Jahr 1517 waren bereits rund 20 Häuser der Fuggerei fertiggestellt und bewohnt. Zu diesem Zeitpunkt umfasste die Anlage die Häuser in der Saugasse, der Hinteren Gasse sowie einen Großteil der Mittleren Gasse. Der Bau der Fuggerei erfolgte zunächst in einer raschen ersten Bauphase: Zwischen 1516 und 1519 entstand etwa drei Viertel der gesamten Anlage.
In einer zweiten, deutlich langsameren Bauphase zwischen 1520 und 1523 werden weitere Häuser ergänzt, darunter die Westseite der Herrengasse und schließlich die Ochsengasse. Mit dem Bau der letzten beiden Häuser ist die Fuggerei schließlich 1523 mit insgesamt 52 Häusern vollendet.
Nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wird die Fuggerei wieder aufgebaut und erweitert. Heute umfasst die Sozialsiedlung 67 Häuser und bietet etwa 150 Bewohnern und Bewohnerinnen eine Heimat.